07 May 2026, 12:24

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR ihr Erbe verdrängte

Rechteckige Plakette mit 'Adolf Abraham' eingraviert, an einer Steinwand angebracht.

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR ihr Erbe verdrängte

Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange von politischen Umbrüchen und vergessenen Kämpfen überschatten. In seinem neuen Buch „Verdrängtes Erbe“ untersucht Philipp Graf, wie die antifaschistischen Ideale der DDR versagten, wenn es um die Aufarbeitung von Antisemitismus und die Tilgung jüdischer Erinnerung ging. Die Stadt, einst ein Zentrum neo-orthodoxen jüdischen Lebens, sah ihre Gemeinde im Nationalsozialismus zerstört und ihr Erbe später unter dem Staatssozialismus verfälscht.

Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge während der Novemberpogrome 1938 markierte den Beginn der Vernichtung des jüdischen Lebens in der Stadt. Bis zum Ende der NS-Zeit war die einst blühende Gemeinde ausgelöscht. Nach dem Krieg entstand 1949 am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch bereits 1969 wurde sie umgestaltet – nicht mehr als Ort der Trauer, sondern als Stätte zur Vermittlung von „proletarischem Internationalismus und sozialistischer Vaterlandsliebe“ an die junge Generation.

Unterdessen wurden die unterirdischen Tunnel des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet. Diese Umnutzung überlagerte eine weitere Schicht der Vergangenheit, während Romane wie die von Peter Edel und Jurek Becker 1969 kurzzeitig Holocaust-Geschichten in das öffentliche Bewusstsein der DDR rückten.

Die Widersprüche der DDR zeigten sich auch an Kulturschaffenden wie der niederländisch-jüdischen Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 in Ost-Berlin eine neue Heimat fand. Dort veröffentlichte sie drei Langspielplatten – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwanden ihre Lieder aus dem Rundfunk. Antisemitismus blieb latent präsent und brach 2018 erneut auf, als der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen an eine jüdische Immobilienfirma zu Murren über einen „Verkauf an die Juden“ führte. Graf argumentiert, dass es bereits 1949 und 1989 Instrumente gegen solche Vorurteile gab – sie wurden jedoch ignoriert oder beiseitegeschoben.

Sein Buch zeigt, wie sich rechtsextremer und linksautoritärer Antisemitismus in der DDR überlappten, ohne je wirklich aufgearbeitet zu werden. Stattdessen verdeckte die antifaschistische Rhetorik des Staates das eigene Versagen, die eigene Mittäterschaft bei der Auslöschung jüdischer Geschichte.

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Grafs Recherchen offenbaren, wie Halberstadts Vergangenheit durch Ideologie und Gleichgültigkeit umgedeutet wurde. Das jüdische Erbe der Stadt – von den neo-orthodoxen Wurzeln bis zum Schweigen der Nachkriegszeit – bleibt eine Mahnung. Ohne ehrliche Auseinandersetzung drohen sich die Muster von Ausgrenzung und Verfälschung zu wiederholen – sei es unter Diktatur oder Demokratie.

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