Fanons radikale Theorien erobern Deutschlands Debatten um Macht und Identität

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Ein Buch mit einem Bild von Menschen und Text auf dem Cover.

Fanons radikale Theorien erobern Deutschlands Debatten um Macht und Identität

Frantz Fanon, eine prägende Stimme der Dekolonisation, erlebt in Deutschland eine Renaissance. Seine Gedanken zu Macht, Gewalt und kultureller Identität prägen heute die Debatten. Der Postkolonialismus wirkt sich mittlerweile auf Politik, Sprache und sogar Straßenbezeichnungen im ganzen Land aus.

Die Werke des Psychiaters und Revolutionärs, die ursprünglich im Kontext des Algerischen Unabhängigkeitskriegs (1954–1962) entstanden, werden nun neu entdeckt – etwa durch Bücher wie Alice Cherkis Frantz Fanon: Ein Porträt. Erstmals 2002 veröffentlicht und 2010 aktualisiert, beleuchtet es sein Leben, seine Theorien und sein anhaltendes Erbe.

Fanon argumentierte, dass die koloniale Herrschaft tiefere psychologische Wunden schlug als die industrielle Ausbeutung in Europa. Die Kolonisierten, so seine These, litten unter Demütigung und Ohnmacht, die weit über die Kämpfe der europäischen Arbeiterklasse hinausgingen. Diese Entfremdung erfordere radikale Antworten.

Gewalt sah er als unvermeidliche Phase auf dem Weg zur Überwindung kolonialer Herrschaft. Für Fanon war bewaffneter Widerstand nicht nur ein Mittel zur Erlangung der Unabhängigkeit, sondern auch zur Wiedererlangung der Würde. Gegengewalt, so seine Überzeugung, zerschlage das Gefühl der Unterlegenheit der Kolonisierten und verlagere den Kampf hin zur Machtübernahme. Formale Unabhängigkeit allein könne die Schäden der Besatzung nicht ungeschehen machen.

Dem Islam maß Fanon ein größeres antikoloniales Potenzial zu als jeder anderen Ideologie. Er rief intellektuelle Kräfte des Ostens dazu auf, seine Kraft gegen die westliche Vorherrschaft zu mobilisieren. Seine Analysen erstreckten sich auch auf kulturellen Widerstand. In Algerien wurde das Ablegen des Schleiers durch Frauen zur Taktik, um Freiheitskämpfer zu unterstützen – auch wenn dies oft ihre Ausgrenzung in den eigenen Gemeinschaften zur Folge hatte.

In Deutschland dienen Fanon Texte heute als Instrument der Selbstreflexion. Manche Leser deuten seine Ideen als Warnung vor Massenmigration aus dem globalen Süden. Andere erkennen Parallelen zur eigenen Geschichte und stilisieren Deutschland als eine „kolonisierte“ Nation, belastet von internalisierter Schuld. Seine Theorien durchdringen das öffentliche Leben – von Restitutionsdebatten über Straßenumbenennungen bis hin zur Einführung von Quotenregelungen.

Alice Cherki, die Fanon während ihrer Tätigkeit als Psychiaterin in Algerien kennenlernte, dokumentierte in ihrem Buch seinen intellektuellen Werdegang. Unter dem Originaltitel Frantz Fanon: Ein Porträt bleibt es eine zentrale Quelle, um seine radikale Vision und ihr ambivalentes Erbe zu verstehen.

Fanons Ideen hallen Jahrzehnte nach seinem Tod nach. In Deutschland befeuern sie Diskussionen über Identität, Migration und historische Verantwortung. Seine Warnungen vor den psychologischen Narben des Kolonialismus – und der Gewalt, die zu ihrer Überwindung nötig sei – sind nach wie vor so provokant wie eh und je.

Das wiedererwachte Interesse an seinem Werk spiegelt tiefgreifendere Verschiebungen wider, wie Gesellschaften ihre Vergangenheit aufarbeiten. Von akademischen Kreisen bis hin zu politischen Entscheidungen bleibt Fanons Einfluss bestehen – alte Erzählungen herausfordernd und neue Antworten einfordernd.

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