Die verzweifelte Flucht der Juden vor den Nazis – und die geschlossenen Türen der Welt
Miriam HoffmannDie verzweifelte Flucht der Juden vor den Nazis – und die geschlossenen Türen der Welt
In den 1930er-Jahren versuchten Tausende deutsche Juden vor der nationalsozialistischen Verfolgung zu fliehen, als die Repressionen unter dem Regime Adolf Hitlers immer härter wurden. Nach den Nürnberger Gesetzen von 1935, die ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen, sahen sich viele mit unüberwindbaren Hindernissen konfrontiert – sowohl seitens der NS-Diktatur als auch durch ausländische Staaten, die sich weigerten, Flüchtlinge aufzunehmen. Einer der berüchtigtsten Fälle war der des Dampfers St. Louis, der 1939 mit 937 jüdischen Passagieren an Bord von Kuba, den USA und Kanada abgewiesen wurde.
Die Politik des NS-Regimes machte eine Flucht nahezu unmöglich. Neben dem Entzug grundlegender Rechte wurden Juden, die Deutschland verlassen wollten, mit hohen finanziellen Strafen belegt, etwa durch die Reichsfluchtsteuer. Selbst denen, die es schafften, die erforderlichen Mittel aufzubringen, stellten sich "Papiermauern" in den Weg – endlose bürokratische Hürden wie Visumpflichten, eidesstattliche Erklärungen und Genehmigungen von Ländern, die ihre Grenzen verschlossen hielten.
Allein im Jahr 1933 flohen 54.400 Juden aus Deutschland, nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. Doch mit zunehmender Verfolgung verengten sich die Möglichkeiten. Eine Delegation jüdischer Führungspersönlichkeiten schlug vor, die Auswanderungsrouten nicht nur nach Palästina, sondern auch in westliche Länder und nach Afrika auszuweiten. Professor Dr. Stephen Wise präsentierte einen kühnen Plan: die Aufbringung von 50 Millionen Dollar zur Unterstützung jüdischer Siedlungen in Palästina. Das Vorhaben erforderte globale Abstimmung, wobei jüdische Gemeinden weltweit zum Mitwirken aufgerufen wurden.
Die St. Louis wurde zu einem tragischen Symbol dieser verzweifelten Bemühungen. Im Mai 1939 stieg das Schiff mit Flüchtlingen an Bord in Hamburg in See – ihr Ziel war die sichere Zuflucht in Kuba. Als ihnen die Einreise verweigert wurde, flehten die Passagiere die USA und Kanada um Asyl an. Beide Länder lehnten ab, zwangen das Schiff zur Umkehr nach Europa. Viele der Menschen an Bord kamen später im Holocaust ums Leben.
Namen wie Anne Frank, die in einem Konzentrationslager starb, oder Persönlichkeiten wie der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der für seine restriktive Einwanderungspolitik kritisiert wurde, bleiben mit diesem dunklen Kapitel verbunden. Trotz internationaler Kenntnis der Lage ließen systematische Hindernisse und Gleichgültigkeit unzählige Flüchtlinge im Stich.
Das Scheitern der St. Louis und die allgemeine Auswanderungskrise offenbarten die tödlichen Folgen geschlossener Grenzen und bürokratischer Kälte. Zwar setzten sich einige jüdische Führungspersönlichkeiten für groß angelegte Umsiedlungsprojekte ein, doch die Kombination aus NS-Terror und ausländischer Ablehnung machte eine Flucht für die meisten unmöglich. Mit Beginn des Krieges hatte sich das Zeitfenster für ein Entkommen fast vollständig geschlossen.






