Deutsche Industrie baut Tausende Stellen ab – und verlagert Produktion ins Ausland
Philipp ZimmermannDeutsche Industrie baut Tausende Stellen ab – und verlagert Produktion ins Ausland
Deutsche Industrie steht vor massiven Stellenabbau und Produktionsverlagerungen
Der Chemiekonzern Evonik, einer der größten Arbeitgeber der Branche, hat angekündigt, seine Belegschaft um weitere 3.200 Stellen zu reduzieren – vor allem an deutschen Standorten. Damit setzt sich ein besorgniserregender Trend fort: Die industrielle Beschäftigung in Deutschland geht spürbar zurück.
Seit 2024 hat Evonik bereits rund 2.800 Verwaltungsstellen abgebaut. Bis zum ersten Quartal 2026 waren in der deutschen Industrie insgesamt 127.300 Arbeitsplätze verloren gegangen – ein Rückgang um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2019 hat die Branche sogar 341.500 Stellen eingebüßt.
Hohe Lohnkosten, übermäßige Bürokratie und teure Energie treiben Unternehmen dazu, Produktion und Forschung ins Ausland zu verlagern. Die Arbeitskosten in Deutschland liegen 22 Prozent über dem EU-Durchschnitt und sind mehr als doppelt so hoch wie in Asien oder Osteuropa. Viele Firmen setzen auf eine „Local-for-Local“-Strategie, um Lieferkettenstörungen zu begegnen – die sie als größtes betriebliches Risiko einstuften.
Deutsche Unternehmen wandeln sich zunehmend von reinen Exportnationen zu global vernetzten Produktionsstandorten. Während Hauptsitze und Kernfunktionen in Deutschland bleiben, entstehen neue Kapazitäten und Arbeitsplätze vor allem im Ausland. Rund 40 Prozent der Investitionsbudgets bis 2030 fließen noch in deutsche Standorte, vor allem für Modernisierungen und Automatisierung.
Nur 16 Prozent der Unternehmen planen, in Deutschland neue Arbeitskräfte einzustellen – ein ähnliches Bild zeigt sich in Westeuropa. Stattdessen setzen sie auf Wachstum in Indien, China, Nordamerika, dem Nahen Osten und Afrika. Fast jedes Industrieunternehmen will bis 2030 seine Präsenz in Indien ausbauen, doch durch Automatisierung und KI werden trotz eines durchschnittlichen Umsatzwachstums von 4 Prozent kaum neue Jobs entstehen. Zudem verlagern fast die Hälfte der Firmen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in globale Regionen; viele entwickeln bereits direkt in China Produkte für den lokalen Markt.
Die strategische Neuausrichtung bedeutet weniger Arbeitsplätze in Deutschland, aber anhaltende Investitionen in bestehende Standorte. Unternehmen priorisieren Automatisierung und globale Expansion, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Veränderungen spiegeln den wachsenden wirtschaftlichen Druck und die Notwendigkeit wider, sich in einer sich wandelnden Industrielandschaft anzupassen.
